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Wissenschaftlich fundierte Impulse rund um Ernährung und Darmgesundheit.
Newsletter #1
Wie der Darm mit Gehirn, Immunsystem, Stoffwechsel, Leber und Herz zusammenwirkt.
Der Darm und seine Achsen
Newsletter #1 · Darmgesundheit · Alina Clames
Was der Darm mit ganzheitlicher Gesundheit zu tun hat
Ganzheitliche Gesundheit – klingt erstmal nach Alternativmedizin. Aber wie wissenschaftlich ist dieser Ansatz eigentlich? Und was hat der Darm damit zu tun?
Wenn wir an unseren Darm denken, denken wir zuerst an Verdauung. Vielleicht auch an Blähungen, Verstopfungen, Durchfall oder das Mikrobiom.
Was viele nicht wissen: Der Darm steht in ständigem Austausch mit anderen Organen und Systemen unseres Körpers. Und diese Verbindungen können unsere Gesundheit auf ganz unterschiedliche Weise mitbeeinflussen.
Was sind Darm-Achsen?
Unser Darm kommuniziert mit unserem Gehirn, unserem Stoffwechsel, unserer Leber, Herz, Haut, Nieren, Schilddrüse, Lunge, unserem Immunsystem und sogar unseren Knochen und unserem Mund (1-11).
Diese Kommunikation funktioniert in beide Richtungen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Darm-Mikrobiom, da es Zustand und Funktion unseres Darms beeinflusst.
Um sich dieses komplexe Zusammenspiel etwas leichter vorstellen zu können, mag ich ein Bild besonders gerne: Den Darm als „Mutter“ innerhalb einer großen Familie, die ihre „Kinder“ mit Nahrung versorgt.
Geht es der Mutter über längere Zeit nicht gut, wirkt sich das irgendwann auf den gesamten Familienalltag aus. Vielleicht fehlt ihr die Energie, ausgewogen zu kochen, sich um alles zu kümmern oder ihre Kinder so zu unterstützen, wie sie es normalerweise tun würde.
Und genauso funktioniert es andersherum: Wenn eines der Kinder krank ist, nachts nicht schlafen kann oder besonders viel Unterstützung braucht, bedeutet das zusätzlichen Stress für die Mutter. Sie registriert, dass es ihrem Kind nicht gut geht – und das beeinflusst auch ihr eigenes Wohlbefinden.
Und natürlich beeinflussen sich auch die Geschwister untereinander.
Die Familie funktioniert als System.
Dieses Bild ist natürlich eine starke Vereinfachung. Unser Körper ist sehr viel komplexer – und der Darm ist weder die alleinige Ursache jeder Erkrankung noch das Organ, das alle anderen kontrolliert. Der Darm kann andere Organe beeinflussen – und wird gleichzeitig von ihnen beeinflusst. Es geht also nicht um Kontrolle, sondern um Kommunikation und gegenseitige Regulation.
Und genau deshalb gefällt mir die Metapher: Entscheidend ist das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Familienmitgliedern.
In der Wissenschaft spricht man dabei häufig von Darm-Organ-Achsen. Die Kommunikation läuft zum Beispiel über Nerven, Hormone, das Immunsystem, den Blutkreislauf oder Stoffwechselprodukte unserer Darmbakterien.
Schauen wir uns fünf dieser Verbindungen etwas genauer an.
Darm & Gehirn
Dass unser Gehirn unseren Darm beeinflussen kann, haben viele schon erlebt: Stress schlägt auf den Magen, Nervosität verändert die Verdauung oder vor einer wichtigen Prüfung meldet sich plötzlich der Darm.
Dahinter stecken echte biologische Kommunikationswege. Eine wichtige Verbindung ist beispielsweise der Vagusnerv, der Informationen zwischen Gehirn und inneren Organen übermittelt. Hinzu kommen Hormone, Immunbotenstoffe und Stoffwechselprodukte unserer Darmbakterien (1,12).
Auch die andere Richtung wird intensiv erforscht. Besonders deutlich wird das beim Reizdarmsyndrom, bei dem Darmbeschwerden und psychische Belastungen wie Angst oder depressive Symptome häufiger gemeinsam auftreten (13).
Das heißt nicht: Ein ungesunder Darm verursacht automatisch Depressionen.
Es zeigt vielmehr, wie eng Darm und Gehirn miteinander verbunden sind. Und dass es sich lohnen kann, diese Verbindung beim Behandeln von Krankheiten, die den Darm oder das Gehirn betreffen, zu berücksichtigen (13).
Darm & Immunsystem
Unser Darm hat täglich Kontakt mit Nahrung, Bakterien und unzähligen anderen Stoffen aus unserer Umwelt.
Das Immunsystem muss dabei ständig entscheiden: Was ist harmlos – und wogegen muss ich mich wehren?
Deshalb befindet sich entlang unseres Darms ein hochentwickeltes Netzwerk aus Immunzellen und lymphatischem Gewebe. Hier kommt unser Immunsystem ständig mit Nahrungsbestandteilen, Mikroorganismen und deren Produkten in Kontakt und muss lernen, was toleriert werden kann und worauf es reagieren muss (9).
Eine wichtige Rolle spielt unsere Darmbarriere. Sie sorgt dafür, dass benötigte Stoffe aufgenommen werden können und gleichzeitig möglichst wenig Unerwünschtes ins Körperinnere gelangt. Ist ihre Funktion gestört und ihre Durchlässigkeit erhöht – häufig als „Leaky Gut“ bezeichnet –, können Bestandteile von Mikroorganismen vermehrt mit dem Immunsystem in Kontakt kommen und Entzündungsprozesse begünstigen. Veränderungen der Darmbarriere und des Mikrobioms werden deshalb unter anderem im Zusammenhang mit chronischen Entzündungsprozessen und Autoimmunerkrankungen untersucht (15, 16).
Darm & Stoffwechsel
Unsere Darmbakterien ernähren sich von unverdaulichen Pflanzenfasern, genauer gesagt löslichen Ballaststoffen, aus unserer Nahrung.
Dabei entstehen Stoffwechselprodukte, die wiederum mit unserem Körper interagieren können. Ein Beispiel sind kurzkettige Fettsäuren, die unter anderem beim Abbau bestimmter Ballaststoffe entstehen.
Über solche Stoffwechselprodukte, aber auch über Hormone, Gallensäuren und das Immunsystem steht der Darm mit unserem Stoffwechsel in Verbindung.
Diese Zusammenhänge werden beispielsweise bei Übergewicht, Insulinresistenz und Diabetes mellitus intensiv untersucht (2,17).
Darm & Leber
Auch Darm und Leber sind eng miteinander verbunden.
Alles, was wir über den Darm aufnehmen, gelangt zu einem großen Teil über die Pfortader zunächst zur Leber. Dazu gehören Nährstoffe, aber auch Stoffwechselprodukte unserer Darmbakterien und – je nach Zustand der Darmbarriere – weitere Bestandteile aus dem Darm. Die Leber verarbeitet viele dieser Stoffe und übernimmt damit eine wichtige Rolle an der Schnittstelle zwischen Darm und restlichem Körper.
Doch auch für den Darm ist eine gut funktionierende Leber wichtig. Sie produziert Galle und Gallensäuren, die in den Darm abgegeben werden. Dort helfen sie uns unter anderem dabei, Fette zu verdauen und fettlösliche Vitamine aufzunehmen. Gleichzeitig wirken Gallensäuren als Signalmoleküle und beeinflussen so die Zusammensetzung und Funktion unseres Mikrobioms.
Ist die Leberfunktion deutlich beeinträchtigt oder der Gallenfluss gestört, kann sich das deshalb auch auf Verdauung, Nährstoffaufnahme und das Darmmilieu auswirken.
Darm und Leber arbeiten also nicht unabhängig voneinander: Was im Darm passiert, erreicht die Leber – und was die Leber tut, prägt wiederum das Milieu im Darm (3,18).
Darm & Herz
Auch zwischen Darm und Herz-Kreislauf-System gibt es Verbindungen.
Erforscht werden beispielsweise die Rolle bestimmter Stoffwechselprodukte unserer Darmbakterien, der Darmbarriere und von Entzündungsprozessen für die Herz-Kreislauf-Gesundheit.
Auch hier gibt es die Gegenrichtung: Bei einer schweren Herzschwäche kann beispielsweise die Durchblutung des Darms beeinträchtigt sein – und damit wiederum seine Funktion (4).
Eigentlich ist es gar keine einzelne Achse
Bis hierhin haben wir so getan, als gäbe es fünf getrennte Verbindungen.
In Wirklichkeit ist es noch komplizierter.
Erinnern wir uns an unsere Familie: Auch die „Kinder“ beeinflussen sich gegenseitig.
Die Leber spielt eine wichtige Rolle für unseren Stoffwechsel. Das Gehirn kommuniziert mit dem Immunsystem. Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-System hängen zusammen. Und unser Immunsystem hat – salopp gesagt – ohnehin fast überall seine Finger im Spiel (19).
Daher sollten wir uns die Darm-Achsen weniger wie einzelne Straßen vorstellen.
Sie bilden vielmehr ein Netzwerk.
Und der Darm ist ein wichtiger Knotenpunkt darin.
Was bedeutet das für mich?
Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: Ist es wissenschaftlich nachvollziehbar, Gesundheit „ganzheitlich“ zu betrachten?
Wenn damit gemeint ist, unseren Körper nicht als Ansammlung voneinander unabhängiger Einzelteile zu betrachten, sondern als zusammenhängendes System: absolut.
Und genau deshalb finde ich Darmgesundheit so faszinierend.
Nicht, weil der Darm die Antwort auf alles ist.
Sondern weil er ein wichtiger Knotenpunkt des großen Ganzen ist.
Kleiner Take-away
Zusammenfassend lässt sich also sagen: Ja, Gesundheit ganzheitlich zu betrachten ist ein wissenschaftlich nachvollziehbarer Ansatz.
Der Darm ist mehr als nur Verdauung. Er steht mit zahlreichen Organen und Körpersystemen in wechselseitigem Austausch. Auf unsere Darmgesundheit zu achten ist deshalb ein sinnvoller Baustein unserer Gesundheit – nicht, weil im Darm die Ursache für alles liegt, sondern weil er ein wichtiger Teil eines großen, miteinander verbundenen Systems ist.
Und weil ich mich für diesen Artikel sehr zurückhalten musste, nicht zu jeder Achse drei Seiten zu schreiben, wird das hier der Anfang einer kleinen Serie. 😉
In zwei Wochen nehmen wir die Darm-Hirn-Achse genauer unter die Lupe: Wie kommunizieren Darm und Gehirn miteinander – und was wissen wir darüber, welche Bedeutung diese Verbindung für unsere Gesundheit hat?
Wissenschaftliche Quellen
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